praxis

 

„Oh Tannenbaum …“
Werkbericht von Jens Holtkamp

 

Jeder kennt dieses Lied und weiß, es gehört in die Weihnachtszeit. Noch ist es nicht so weit, auch wenn schon die ersten Lebkuchen und Weihnachtsmänner in den Supermärkten ausliegen. Ich brauche das nicht so früh. Doch wer mein Projekt zur Weihnachtszeit nachdrechseln möchte, benötigt Vorbereitungszeit und somit jetzt schon die Anleitung. Die Tannenbäume, die zur Weihnachtszeit verkauft, ausgesucht, aufgestellt und geschmückt werden, seien es Nordmanntannen oder Rotfichten, sehen meistens sehr perfekt aus: gerade und gleichmäßig gewachsen, mit schönen Zweigen und nach oben hin elegant spitz zulaufend. Ich erinnere mich aber noch gut an einige Weihnachtsbäume aus meiner Kindheit. Sie wuchsen im Garten meiner Eltern und wurden erst am 23. Dezember gefällt, damit sie sich lange im geheizten Wohnzimmer hielten und nicht so schnell nadelten. Nur waren diese Bäume nicht immer perfekt. Sie wurden so aufgestellt, dass die krummen Zweige in die Ecke des Raumes zeigten und nicht gleich gesehen wurden. Und wenn der Stamm verkrümmt war oder die Spitze einen Knick hatte, wurde ein Strohstern geschickt davor platziert, um so von der Schwachstelle abzulenken. Faszinierend finde ich auch immer die Bäume an der Küste, die durch den ständigen Westwind in eine Richtung gewachsen sind. Deshalb kam mir die Idee, schiefe Tannenbäume zu drechseln, und zwar aus einem Stück. Angefangen habe ich dieses Projekt im letzten Jahr wenige Tage vor Heiligabend. Ich wollte Bäume zur Dekoration für unsere Krippe drechseln. Eine perfekt gerade Tanne war schnell gedrechselt: fünf Etagen, die nach oben gleichmäßig dünner werden, und mit einer schönen Spitze. Die Schwierigkeit bestand für mich darin, wie ein Tannenbaum gearbeitet werden konnte, der nicht perfekt aussah. Das versetzte Drechseln hatte ich schon bei anderen Objekten wie Flaschenkorken und Kreiseln angewendet. Dabei gibt es verschiedene technische Möglichkeiten. Man kann spezielle Futter verwenden oder ein Stück Holz schief einspannen. Bei einem Drechselkurs hat mir Jean-François Escoulen eine Vorgehensweise gezeigt, die ich jetzt für die krummen Tannenbäume verwende: Das Holzstück wird zwischen den Spitzen fünf Mal versetzt eingespannt und in jeder Position wird ein Kranz der Tanne gedrechselt. Zum Ausprobieren habe ich ein Stück Fichtenholz mit dichten Jahresringen gewählt, also ein nicht so wertvolles Material, falls der Versuch nicht gelingen sollte. Später habe ich Eibe genommen, sie bringt eine gewisse Lebendigkeit durch Farbe und Holzstruktur mit sich. Das Fichtenholz hat die Abmessung 6 cm x 6 cm x 12 cm. Ich verwende einen Vielzackmitnehmer mit 13 mm Durchmesser. Als Zentrierspitze nutze ich auch einen mitlaufenden Vielzack mit abgefederter Spitze. Dieser hält das Holz beim versetzten Drechseln sicher fest und es entsteht keine Spaltwirkung wie bei einer einfachen Körnerspitze. Zwei Formröhren kommen bei diesem Projekt zum Einsatz. Eine davon ist besonders spitz angeschliffen, um bei den Arbeiten in der Tiefe sauber schneiden zu können.